Die Heiliggeisttaube im 1. Tiroler Holzmuseum

Objekt des Monats September 2020
Kulturabteilung Land Tirol

HOLZKUNST MIT GLÜCKSFAKTOR
Die Heiliggeisttaube im 1. Tiroler Holzmuseum in der Wildschönau

Mit dem 1. Tiroler Holzmuseum hat sich der Holz- und Verzierungsbildhauer Hubert Salcher in seinem Geburtshaus in Auffach einen Traum erfüllt. Im nächsten Jahr feiert das Museum das 25. Jahr seines Bestehens und ständigen Erweiterns – mittlerweile besteht das Haus aus 52 Räumen auf 6 Ebenen und mehr als 1000 m² Ausstellungsfläche. Dass die Anzahl der kolportierten 3000 Ausstellungsobjekte bei weitem übertroffen wird, liegt nach einem Besuch im Museum auf der Hand. Was die Objekte eint, so verschieden sie sonst auch sein mögen, ist das Grundmaterial Holz.
Das Objekt des Monats September ist in der Kapelle des Museumskomplexes zu finden, der seit 2014 in einem Seitentrakt untergebracht ist.
Vom überdachten Außenbereich her gelangt man in die Hauskapelle, die „kleinste Hochzeitskapelle Europas“, wie ein Schild verrät. Kaum zu glauben, dass in diesem Raum, der kaum fünf Menschen Platz bietet, auch Trauungen stattfinden. Selbst die Einrichtung hat Vergangenheit, sie wurde aus allen Teilen des Landes zusammengetragen – kein einfaches Unterfangen für eine Kapelle dieser Größe. So stammt etwa das Betgestühl von der Pfarrkirche aus Oberlienz und auf dem Altar thront neben der Darstellung der Gnadenmadonna „Maria guter Hoffnung“ eine Berührungsreliquie mit der „Annahand“ aus dem 19. Jahrhundert.
Unmittelbar davor weist ein Schild auf das Objekt des Monats September hin: einen stilisierten Vogel aus Holz mit Flügeln in Form eines Strahlenkranzes. Als „Glücksvogel“ wird er hier bezeichnet, der die Wünsche zum Himmel trage – eine schöne Vorstellung, vielleicht als Erklärung für die vielen Besucher und Besucherinnen aus aller Herren Länder, die nicht katholisch sozialisiert sind. In Tirol wird man ein Objekt dieser Art als Heiliggeisttaube erkennen, selbst wenn sie für viele aus ihrer alltäglichen Lebenswelt verschwunden ist.
Die Taube ist seit dem Konzil von Konstantinopel (536 n.Chr.) als Symbol für den Heiligen Geist anerkannt, als solche ist sie in geschnitzter Form meist an der Decke von Kirchen und Kapellen zu finden. Zu Pfingsten, dem Fest der Sendung des Heiligen Geistes, wurde sie in einigen Gotteshäusern während der Messe in den Kirchenraum hinuntergelassen. Hebt man hier im 1. Tiroler Holzmuseum den Blick zur Decke, findet man neben einer fix montierten, geschnitzten Heiliggeisttaube noch eine hängende Variante mit Strahlenkranz vor.
In Bauernhäusern war der gewöhnliche Platz der Heiliggeisttaube im Herrgottswinkel an einem Faden von der Decke hängend oder aber mittig über dem Esstisch baumelnd. Dabei konnte die Taube vielerlei Gestalt aufweisen, in Bayern waren Heiliggeisttauben als sogenanntes Eingericht (Holzfigur in einer Glaskugel) verbreitet. Schwebte so eine Heiliggeistkugel über dem Suppentopf, sammelte sich der kondensierte Dampf auf ihrer kalten Oberfläche und tropfte zurück in das Gefäß – der vielzitierte Name „Suppenbrunzer“ war geboren.
Doch zurück zur symbolischen Bedeutung des Vogels. Schon im Alten Testament spielte die Taube eine tragende Rolle als Überbringerin des Ölzweiges als göttliches Versöhnungszeichen nach der Sintflut. Die Taube galt nun als Symbol des Friedens, der Liebe und Fruchtbarkeit.
www.tirol.gv.at/kunst-kultur/kulturportal/museumsportal/
Als Zeichen von Beständigkeit und Zuneigung war sie häufig auf Liebesgaben dargestellt, noch heute werden bei manchen Hochzeiten weiße Tauben aufgelassen. Berichten zufolge war es in manchen Gegenden üblich, zur Empfängnisförderung eine Taube an die Decke des Himmelbettes zu hängen.1
Daneben besteht eine enge Verbindung zur Gottesmutter Maria als Segensbringern, die Menschen in ihrer Not beschützte, die in frühen Marienliedern als „Taube ohne Galle“ bezeichnet wurde – die Galle als Synonym für das Böse im Menschen. Naturgemäß waren es Mariä Empfängnis-, Verkündigungs- und Heimsuchungs-Darstellungen, bei denen die Taube in ihrer Rolle als Heiliger Geist in Verbindung mit dem Ungeborenen trat.
Die Meinungen, welches Konzept dem Anbringen der Heiliggeisttaube im Herrgottswinkel zugrunde lag, gehen auseinander2 – ziemlich sicher galt die Taube ähnlich wie ein Haussegen als unheilabwehrend und segnend für den Hof und die Familie. Als solche wird sie heute noch zum Verkauf angeboten3 – für weltliches Publikum erfolgt eine Umdeutung in „Glücksvögel“, wie hier im Museum angedeutet.
Neben der Bedeutung kann die Herstellung eines so grazilen Holzobjektes Fragen aufwerfen. Eine Antwort darauf bietet ein von der Boku Wien initiiertes Projekt zur historischen Holzverwendung4, das sich der Dokumentation alter Handwerkstechniken rund ums Material Holz widmet. Es basiert auf der Erkenntnis, dass sich die Art der Holzverarbeitung in den letzten Jahren rapide verändert hat – weg von der bäuerlichen Handwerkskunst, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde inklusive dem tradierten Wissen z.B. über die Verwendung der verschiedenen Holzarten – hin zu einer maschinellen Fertigung. Viele Objekte verlieren aufgrund geänderter Lebens- und Arbeitsweisen an Bedeutung und verschwinden ganz aus unserem Umfeld. Da in schriftlichen Aufzeichnungen Details oft verloren gehen, widmet man sich in diesem interdisziplinären Projekt der filmischen Dokumentation unter Einbeziehung von Schüler und Schülerinnen.
Glücklicherweise zeigt ein Film die detaillierte Herstellung eines steirischen Haussegens: an seinem unteren Ende hängt eine Variante der Heiliggeisttaube, die jener im Holzmuseum äußerst ähnlich ist. Der erste Schritt für die Herstellung der Taubenflügel ist, sich ein in der Länge und Breite passendes, über Nacht in Wasser gelegtes Stück Espenholz zurechtzulegen. Andere schwören auf Zitterpappel als Ausgangsmaterial. Nun wird ein Ende angespitzt und beidseitig Kerben angebracht, sie ergeben die typische Form der Flügeleinzelteile. In einem nächsten Schritt wird der Holzklotz von der Spitze her mit dem Messer in ganz dünne Blättchen gespalten, die an ihrem Ende noch verbunden bleiben. Im Anschluss werden die „Federn“ aufgefächert, ineinander verkeilt und mit einem geschnitzten Korpus zusammengesteckt und angeleimt.5 Was in wenigen Worten beschrieben ist, erfordert in Wahrheit einiges an Fingerfertigkeit und Übung – zumindest das Know-how stellt der Steirer Haussegenschnitzer Franz Burgstaller dankenswerterweise zur Verfügung.
Zurück bleiben die Eindrücke vom 1. Tiroler Holzmuseum und die vielen interessanten Ausstellungsgegenstände, die in die engere Auswahl zum Objekt des Monats kamen, aber nicht berücksichtigt werden konnten. Vielen Dank an Hubert Salcher für die herzliche Aufnahme, die bereitwillige Unterstützung und die Führung durch das Museum.

© Land Tirol; Mag. Tanja Beinstingl, Text und Abbildungen

Abbildungen:
1 – Blick in die Kapelle
2 – Heiliggeisttaube am Altar mit Beschriftung
3 – Zwei Heiliggeisttauben auf der Decke der Kapelle
4 – Statue der Gnadenmadonna „Maria guter Hoffnung“

Öffnungszeiten:

01. Juli – 12. September 2020: Dienstag – Freitag 10:00 – 17:00 Uhr und Samstag 10:00 – 12:00 Uhr.
16. September – 03. Oktober 2020: Mittwoch – Freitag 10:00 – 17:00 Uhr.
Ab 05. Oktober geänderte Öffnungszeiten (siehe Homepage).
Im Winter auf Anfrage geöffnet.

Gruppen nach Voranmeldung auch außerhalb der Öffnungszeiten.
Führungen mit Hubert Salcher möglich.

Kontakt:
1. Tiroler Holzmuseum – Hubert Salcher
A- 6313 Wildschönau, Auffach Dorf 148/1
Tel: +43 (0)664 380321
Mail: info@holzmuseum.com
www.holzmuseum.com

 

  1. Ettlinger, Ellen: Bayerische und österreichische Amulette der Sammlung Hildburgh im Wellcome Historical Medical
    Museum. In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde, Wien 1957; 60. Jg., S.295 – 305; S. 303.
  2. Eder, Robert: Die Heilig-Geist-Taube. In: Zeitschrift für Österreichische Volkskunde, Wien 1915; 21. Jg.; S 91-93; S.93.
  3. https://www.servusmarktplatz.com/p/Handgeschnitzte-Heiliggeisttaube/SM110512/ abgerufen am 4.8.2020.
  4. www.holzverwendung.at abgerufen am 3.8.2020.
  5. Unter dem Projekttitel „Holzhandwerk revisited“ auf www.holzverwendung.at zu finden, abgerufen am 3.8.2020.
    www.tirol.gv.at/kunst-kultur/kulturportal/museumsportal/