Gedenken 100. Todestag Simon Prem

Genau vor 100 Jahren, am 26. April 1920, starb der gebürtige Niederauer und Ehrenbürger der Gemeinde Wildschönau Simon Marian Prem in Innsbruck. Zum Gedenken an ihn veröffentlichen wir heute den Text von Martin Achrainer aus der Februar-Ausgabe des Gemeindeblattes. Vielen Dank für diesen Text und die Möglichkeit, ihn heute nochmals zu verwenden.

Simon Prem (1853–1920)   
Aus der Jugend des Wildschönauer Ehrenbürgers

„Wie es einem Jungen ist ergangen,
Gibt dies Buch des Alten dir Bericht,
Und nun bleibt sein tröstendes Verlangen:
Teures Heimatland, vergiß ihn nicht!“

Mit diesen Versen schließt eine mehr als 200 Seiten umfassende Handschrift mit Jugenderinnerungen ab, die Simon Marian Prem in seinen letzten Lebensjahren verfasst hat.

Eine Gedenktafel, die 1925 beim Kellerwirt angebracht wurde, erinnert noch an ihn, und beim Neubau der Volksschule Niederau (1953) benannte die Gemeinde den Standort in Simon-Prem-Platz. Im Buch „Heimat Wildschönau“, das 1961 erschienen und längst zu einer Rarität geworden ist, wird er besonders ausführlich gewürdigt. Die Gemeinde Wildschönau hat Simon Prem im Herbst 1909 zu ihrem Ehrenbürger ernannt, die feierliche Verleihung fand am Hohen Frauentag (15. August) des Jahres 1910 statt. Pfarrer Johann Schartner hielt die Festrede und hob hervor, dass die Wildschönau „besonders durch die Feder seines nun gefeierten Sohnes in der weiten Welt bekannt geworden ist“.

Die Gedenktafel für Simon Prem, 1925. Foto Anton Karg, Kufstein / Archiv Deutscher Alpenverein, München.

Über die Wildschönau

Schon 1888 veröffentlichte Prem in der Tiroler Reise- und Fremdenzeitung einen Bericht über die Wildschönau, die er hier als „sehr abgelegene, aber desto ruhigere Sommerfrische“ vorstellt. Zwar könne das Tal nur bescheidenen Ansprüchen genügen, wer jedoch „die Idylle, das Stilleben einfacher Bauersleute und die fast träumerische Ruhe“ suche, könne im Sommer „Herz und Nerven stärkende Wochen“ erleben.

In der bedeutendsten Zeitung der Monarchie, der „Neuen Freien Presse“, führte Prem im Herbst 1890 unter dem Titel „Auf weltvergessenen Pfaden“ die Leser von Hopfgarten bis nach Mühltall. 1899 brachte er eine Sammlung seiner Schilderungen aus Nordtirol unter dem Titel „Über Berg und Thal“ heraus, das auch den schönen Beitrag „Übers Hösl nach Alpbach“ enthält. Darin kommt naheliegenderweise Thierbach besonders zur Geltung. In diesen Texten läßt Prem geschichtliche Begebenheiten ebenso in die Beschreibung einfließen wie Sagen und Brauchtum.

Nur wenige Fremden waren zu Prems Jugend in der Wildschönau zu Gast. Seine Veröffentlichungen waren durchaus als Werbung für die Wildschönau als Reiseziel gedacht und hatten wohl auch Erfolg.

Das 1809er-Jahr

Die Erinnerung an den Aufstand von 1809 und seine Folgen waren in Prems Jugend in der Bevölkerung noch sehr lebendig, aber auch von „albernen Anekdoten“ durchzogen.

Als Fünfjähriger nahm ihn die Mutter erstmals mit nach Wörgl. Am Weg über den Bacherwinkel stieß Prem damals noch auf das Marterl, das an die den Wirtssohn Franz Seisl, der von bayerischen Soldaten erschossen, und den Schneidergesellen Thomas Mauracher, den die Soldaten auf eine Bank banden und in Stücke hieben, erinnerte. Als die beiden begraben worden waren und im Wirtshaus das Totenmahl aufgedeckt war, „erscholl plötzlich der Schreckensruf: ‚Die Boarn kommen alls blay (alles blau) durch’s Burgstallerfeld herein!‘ Nun stob die Menge auseinander und flüchtete sich, manche mit einem Brotlaib unterm Arm, auf die südseits gelegenen Bergstädel und Almen“, darunter auch Simon Prems Tante Maria. Sie erinnerte sich gut daran, wie sie sich damals als Kind die Füße wund gelaufen hat. Ihre kleine Schwester Eva wurde in einem Korb zum Stödl am Oberauer Sonnberg gebracht. Auch seine Mutter, obwohl erst 1822 geboren, wusste noch vieles aus dieser Zeit zu erzählen.

Jakob Margreiters Sohn und Mitkämpfer Georg, der in Niederau beim Seiwald lebte, rief Prem einmal zu sich, da dieser „sakrisch bei der Schrift“ war. „Ich hätte lieber mehr von seinem berühmteren Vater als von ihm gewußt“, schreibt Prem in seinen Erinnerungen, „doch ging er darauf sicher aus guten Gründen nicht ein. In jener Zeit spottete man noch über den ‚Hennensteigenmajor‘, den die Bayern aus einer Hühnersteige hervorgeholt und gefangen weggeschleppt hatten.“

Als Simon Prem später mehr über das Jahr 1809 forschte, trug er wesentlich dazu bei, mit der geschichtlichen Darstellung auch Gerechtigkeit gegenüber den Beteiligten walten zu lassen. Er hielt die Festansprache bei der Enthüllung des Denkmals für Jakob Margreiter auf dem Oberauer Friedhof am 7. September 1902 und schrieb über die Wildschönau im Jahr 1809 noch einmal in der offiziellen Festzeitung zur großen Jahrhundertfeier 1909 in Innsbruck.

Simon Prem ganz rechts vor dem Denkmal (in der Uniform der Staatsbeamten), links mit dem Rücken zur Kamera Erzherzog Eugen, bei der Enthüllung des 1809er-Denkmals in Wörgl. Foto aus „Wörgl. Ein Heimatbuch“.

Josef Schellhorn

Die erste größere Veröffentlichung Simon Prems im Wildschönauer Zusammenhang, „Joseph Schellhorn. Ein Bild seines Lebens mit einer Auswahl seiner Dichtungen, herausgegeben zum 25. Todestage Schellhorns“, führt uns zurück zu seiner Familie, seiner Kindheit und Jugend. Josef Schellhorn war sein Cousin gewesen, geboren 1834 zu Hinterungnaden und als 26jähriger im September 1860 verstorben.

Josef Schellhorn feierte im Sommer 1857 Primiz, eine Woche nach ihm sein und Prems Vetter Peter Kruckenhauser, ein Sohn des Hartlbauern. Im Jahr darauf gab es neuerlich eine „Neumesse“, die der Hinterungnader für einen armen Studienkollegen Schellhorns ausrichtete. Daran knüpft sich eine der frühesten Kindheitserinnerungen Simon Prems. Schellhorn und der Primiziant luden persönlich zur Primiz ein und kamen auf das Kohlerhäusl zu, als gerade der Vater auf der Wiese auf Händen und Knien niederkniete und die Mutter auf seinen Buckel stieg, um die reifen Kirschen zu erlangen. „Als die beiden Geistlichen in Sicht kamen, rief ich: ‚Mutter, schau!‘ Nun endete natürlich die Familienvorstellung und wir gingen alle nach dem Hause, wo man die Glückwünsche anbrachte und dafür die gedruckte Primizeinladung und den Segen des Neugeweihten empfing.“

Schellhorn war selbst literarisch tätig, vor allem aber hat er eifrig die heimischen Sagen gesammelt. Prem hat, was von Schellhorns Schriften noch vorhanden war, zusammengetragen und ihm mit diesem Büchl ein Denkmal gesetzt. Die alten Sagen waren bei vielen Wildschönauern noch tief verwurzelt, wie uns eine Begebenheit zeigt, die Prem schildert. Er hatte für eine Kalendergeschichte eine Sage mit anderen Motiven überarbeitet. „Dadurch bin ich aber bei einer Bäuerin übel angefahren, die mich am Weiererfeld bei Oberau vor einigen Jahren anhielt, und den Standpunkt der ‚dichterischen Freiheit‘ verkennend, ausrief: ‚Dei‘ Muada so wahrheitla und du a so verlog‘n!‘“

Im Kohlerhäusl

Simon Prem wurde am 27. Oktober 1853 im Kohlerhäusl in der Niederauer Vorstadt geboren. Seine Mutter war das jüngste von sieben Kindern vom Mitterer in Wildenbach. Der Vater Michael Prem hatte nacheinander den Gepp in Pesendorf, Egerndorf am Wörglerboden und das Tagleitnergut in Kirchbichl besessen und bewirtschaftet, bis er als kinderloser Witwer alles verkaufte und sich in der Niederauer Flödlmühle als „Inkais“ (Mieter) zur Ruhe setzte.

Dort lernten sich die beiden kennen und wurden ein Paar. Michael Prem kaufte das Kohlerhäusl und ließ es zum Teil neu aufzimmern. Simon war der erste von drei Brüdern, ein weiterer Bruder starb nach wenigen Wochen. Das Famlienglück währte nicht lange, denn bereits im Jänner 1861 starb der Vater – beim Eintritt in die Kirche hatte ihn ein Schlaganfall getroffen. Der kleine Simon war zwar ebenfalls in der Kirche, ahnte aber nichts. Wohl hatte er eine Aufregung bemerkt, doch der Vater hatte ihm eingeschärft: In der Kirche dürfe man nicht umsehen.

Nach dem Tod des Vaters kehrte Armut ins Haus ein. Die Mutter wirtschaftete am kleinen Gut so gut es eben ging und half viel auswärts aus, besonders oft zu Ungnaden bei ihrer Schwester. Oft und zurecht klagte sie über den Witwenstand, den sie als den schwersten empfand. Simon war schon als Kind empfindlich gegenüber den Ungerechtigkeiten, die der Familie als Kleinhäusler und der Mutter als Witwe widerfuhren.

Dagegen war er äußerst empfänglich für alle Naturschönheiten, die er mit großer Aufmerksamkeit wahrnahm. In seinen Erinnerungen schildert Prem anschaulich, wie sich der Radius des Kindes vom Elternhaus in die Nachbarschaft ausdehnte, dann weiter ins Dorf und die Umgegend. Jahreszeiten, die bäuerliche Arbeit und Feiertage strukturierten das Leben, Prozessionen und andere kirchliche Feste waren die Höhepunkte im Jahreslauf.

Spielzeug gab es keines, Holzklötzchen, die er in der Werkstatt beim Ungnadner aus dem Abfall nehmen durfte (Josef Schellhorn stellte Dreschmaschinen her), dienten ihm als Bauklötze. Obst und selten ein besonderes Gebäck waren die wertvollen „Zuckerln“ für die Kinder. Birnen und Kirschen, weniger die Äpfel, dann noch Moosbeeren, selten Erdbeeren, ziehen sich als Köstlichkeiten durch die Erinnerungen.

Das Kohlerhäusl um 1925. Foto aus dem Album der Prem-Runde, Bibliothek des Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum.

Jugendjahre

Simon Prems Jugenderinnerungen sind stark von seinen Empfindungen geprägt. Ausführlich schildert er auch alles, was Abwechslung in den Alltag brachte. Das war immer der Fall, wenn er ins Inntal hinaus kam: Mit der Mutter zu Verwandtenbesuchen, zur Wallfahrt nach Mariastein, zur Firmung nach Kufstein. In der Wildschönau waren es vor allem die kirchlichen Feiertage, die ihn nach Oberau oder auch einmal nach Auffach führten.

Auch alles Künstlerische zog ihn stark an: Da waren die Malereien in den Kirchen, die Votivbilder in den Kapellen, selten einmal ein Kunstdruck oder Kalender. Was er zu lesen in die Finger bekam, verschlang er. Zu Ungnaden erhielt er schon als Kind ein- ums anderemal Stücke aus dem Besitz des verstorbenen Priesters Schellhorn. Bei der Kirchweih in Oberau ergatterte er bei einem Standl billige Volksbücher, nicht immer vom besten Gehalt. Nach solchen Vorbildern gründete er mit einigen Vorstadt-Buben eine Räuberbande, deren Probe ein „Einbruch“ am hellichten Tag beim Guggn war, der vom benachbarten Moar aus beobachtet wurde.

Früh zeigte sich, dass Simon zur bäuerlichen Arbeit kein Talent, nach einer schweren Krankheit auch nicht die Kraft, am wenigsten aber den Willen hatte. Rasch wurde ihm klar, dass er studieren wolle – wie gar nicht so wenige Wildschönauer, vor allem in seinem näheren Umfeld. Da waren der jüngste Mitterer-Sohn Balthasar Kruckenhauser, sein Cousin, Georg Hörbiger vom Rainer, und schließlich durfte Simons Mitschüler und enger Freund Jakob Mayr von Lechen im Bacherwinkel ans Gymnasium nach Hall gehen. Und dann war da noch Simon Prem – der gleichnamige Vetter von Stockeben, der „dem Salzburger Priesterhause entsprungen“ war, nachdem bereits in Wörgl Vorbereitungen für seine Primiz getroffen worden waren. Das schlechte Vorbild des Vetters stand wiederum seinen Plänen entgegen, bis es ihm endlich 1867 gelang, ins Gymnasium nach Hall zu kommen.

Die Jahre am Gymnasium begannen gut, doch geriet er dann in Schwierigkeiten, die ihm das Studium so verleideten, dass er in den Sommerferien des Jahres 1870 kurzerhand beschloss, sich beim bayerischen Heer freiwillig zum Kampf gegen die Franzosen zu melden. Heimlich verließ er das Kohlerhäusl und wanderte Richtung Rosenheim. In einem Gasthaus bei Brannenburg wurde ihm erzählt, dass keine Freiwilligen mehr genommen würden, denn der Krieg werde bald vorbei sein. Verdrossen kehrte Prem also wieder zurück ans Gymnasium.

Prem lässt hier seine Jugenderinnerungen enden. Sein weiterer Lebensweg war beschwerlich; mit zäher Arbeit und reichlich Kummer ging er durchs Leben. Als Gymnasiallehrer wurde er durch die ganze Monarchie geschickt. Erst als er sich 1911 pensionieren ließ, konnte er sich dauerhaft in Innsbruck ansässig machen. Er hat viel geschrieben, seine Hauptwerke waren Biographien von Tiroler Schriftstellern, eine Goethe-Biographie und eine Tiroler Literaturgeschichte. Eine stete Leidenschaft blieben lange Wanderungen. Zuletzt war er im Herbst vor seinem Tod auf dem Marchbachjoch und der Hohen Salve. Der Wildschönau blieb er immer in großer Zuneigung verbunden. In seinen Tagebüchern kommt sie immer wieder vor. Eine Landschaft, eine Kirche, ein Geläut – ständig erinnerte ihn etwas an daheim. „Alles an mir ist Vergangenheit“, notierte er da einmal. In den Ferien kam er stets zurück, auch als seine Mutter gestorben und seine Brüder weggezogen waren.

Seine engsten Freunde in der Wildschönau waren der Maler und Gründer der Sturmlöda Matthias Riedmann und dessen Frau Katharina, die ihm von alten Sagen, Liedern und Bräuchen erzählte. Riedmann hatte wohl auch die Verleihung der Ehrenbürgerschaft angeregt, derer Prem zum Abschluss seiner Jugenderinnerungen gedenkt. Sie habe sein „Herz ganz besonders“ erfreut. Er habe „tausend Hindernisse, die man mir in der Jugend legte und ich durch eigene Unbeholfenheit und Nachlässigkeit ständig vermehrte“, zu überwinden gehabt, schreibt er. Wenn er trotzdem seine Ziele erreicht habe, so habe auch „die teure Heimat ihr Verdienst daran“ – „bin ich doch immer wieder als schicksalswunder Mensch zu ihr sehnend und vertrauend zurückgekehrt, um Körper und Geist zu erfrischen.“

Simon Prem. Foto aus dem Album der Prem-Runde, Bibliothek des Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum.

Martin Achrainer

Ich danke dem Kustos und den Mitarbeitern der Bibliothek des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum, die mir bei der Benützung des Nachlasses von Simon Prem großzügig entgegengekommen sind und Fotos bereitgestellt haben. Die Schrift „Eine alte Jugend“ hoffe ich in absehbarer Zeit herausbringen zu können.